Asya Fateyeva

Artist in Residence 2026/2027 · Lesen Sie dazu den Beitrag von Bjørn Woll >>

„Sein sinnlicher Klang ermöglicht es uns, ausdrucksvoll zu spielen. Außerdem ist es sehr flexibel, gibt uns alle Möglichkeiten. Es liegt nur an uns, unsere Wünsche und Vorstellungen umzusetzen. Aber wie jede starke Persönlichkeit hat auch das Saxophon ein paar Macken, mit denen wir umgehen können müssen.“

Mit zehn spielte Asya Fateyeva, 1990 im ukrainischen Kertsch geboren, zum ersten Mal auf dem Saxophon ihres Vaters, dann ging es ganz schnell: Ein halbes Jahr später gewann sie ihren ersten Wettbewerb, „so eine Art ,Jugend musiziert‘ von der Krim“. Nach zwei Jahren intensivem Unterricht bei Lilija Russanowa in Simferopol ging sie nach Moskau ans berühmte Gnessin-Institut für hochbegabte Musiker:innen und hatte dort Unterricht bei Margarita Shaposhnikova. 2005 zog die Familie nach Hamburg, „aber dort an der Hochschule konnte man nicht klassisches Saxophon studieren“. Als Jungstudentin kam sie daher in die Klasse von Daniel Gauthier an der Musikhochschule in Köln, später folgten noch Studienaufenthalte in Frankreich bei Claude Delangle (Paris) und bei Jean-Denis Michat (Lyon). Heute unterrichtet sie selbst als Professorin für klassisches Saxophon an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Als Solistin mit Orchester gastiert sie auf renommierten Bühnen und bei internationalen Festivals, als Kammermusikerin entwickelt sie oft innovative Projekte, etwa ein Arrangement von Bachs „Goldberg-Variationen“ für Saxophon, Akkordeon und Cello.

„Das Saxophon ist viel mehr als Jazz.“

Von Bjørn Woll

An ihrem Instrument schätzt Asya Fateyeva vor allem den sinnlichen Klang und die enorme Flexibilität. Als Artist in Residence möchte die Künstlerin, die als erste Frau das Finale des renommierten Internationalen Adolphe- Sax-Wettbewerbs in Belgien erreichte, zeigen, was auf dem Saxophon alles möglich ist – vom großen Solokonzert mit Orchester bis hin zu cleveren Bearbeitungen kammermusikalischer Repertoireklassiker. Und mit ein paar Klischees möchte sie auch gleich aufräumen.

Zehn Jahre alt war Asya Fateyeva, als ihr Vater ein Tenorsaxophon mit nach Hause brachte. Das war eigentlich für ihn selbst gedacht, weil er nach seiner Karriere als Profifußballer endlich mehr Zeit für Musik haben wollte. „Ich habe da dann reingepustet“, erinnert sich Asya Fateyeva an diesen Schicksalsmoment, „und mir wurde erst mal schwindelig.“ Das konnte ihrer spontanen Begeisterung für das Instrument allerdings nichts anhaben: „Ich spürte den Klang fast körperlich, das hat mich fasziniert, dass ich ihn mit dem Atem unmittelbar gestalten kann. Noch unmittelbarer als auf dem Klavier, es ist eher wie beim Gesang.“ Da verwundert es wenig, dass sie mit Maria Callas ausgerechnet eine Opernsängerin als Vorbild nennt: „Sie hatte vielleicht keine technisch perfekte Stimme, aber ihr Gesang war immer voller Emotionen.“

Aus der anfänglichen Faszination ist schnell eine große Liebe zum Saxophon geworden – und die dauert bis heute an: „Sein sinnlicher Klang ermöglicht es uns, ausdrucksvoll zu spielen. Außerdem ist es sehr flexibel, gibt uns alle Möglichkeiten. Es liegt nur an uns, unsere Wünsche und Vorstellungen umzusetzen. Aber wie jede starke Persönlichkeit hat auch das Saxophon ein paar Macken, mit denen wir umgehen können müssen“, erzählt Asya Fateyeva mit einem Lachen. „Sehr präzise zu artikulieren ist zum Beispiel nicht unsere Stärke, dafür müssen wir ein bisschen härter arbeiten. Aber das sind Feinheiten! Was die Musik und verschiedene Stile angeht, ist das Saxophon sehr flexibel und anpassungsfähig.“

Wie bei jeder langen Liebe hat auch Asya Fateyeva Höhen und Tiefen in der Beziehung zu ihrem Instrument erlebt. Im Studium wurde sie mit der „harten Realität“ konfrontiert: „Unser Instrument ist noch relativ jung, es gibt also nicht so viel Repertoire wie zum Beispiel für Geige oder Klavier. Viele Menschen denken auch, dass es in Amerika für den Jazz erfunden wurde, dabei entstand es in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa.“ Mit ihrem Spiel möchte die Musikerin mit den Vorurteilen, mit denen sich das Saxophon bis heute konfrontiert sieht, aufräumen und zeigen: „So kann es auch klingen!“ Bewusst bezeichnet sie sich selbst daher als klassische Saxophonistin, wobei „ich mich erst nach dem Studium noch mehr klassisch verankert habe. Im Studium lernten wir vor allem das Repertoire, mit dem das Saxophon geboren wurde. Und das sind das 20. Jahrhundert und Neue Musik.“

Von dort hat sie sich kontinuierlich nach hinten durch die Musikgeschichte gegraben, bis zu Spätrenaissance und Frühbarock. „Zwar gab es das Saxophon damals noch nicht, aber die Komponisten haben zu der Zeit nicht für spezifische Instrumente komponiert, sondern einfach für ,Melodieinstrument‘. Diese Musik auf dem Saxophon zu spielen ist also absolut aus dem Geist der Zeit geboren.“ Und in der Romantik hätte Brahms eigentlich für Saxophon schreiben können, „das Instrument gab es schon, als er noch komponierte“. Hat er aber leider nicht. Doch auch hier hilft ihr der vielseitige Charakter des Instruments: „Von Brahms spiele ich zum Beispiel die Klarinettensonaten, das passt wunderbar. Brahms selbst hat die später ja für Bratsche genehmigt. Und der Abstand von der Bratsche zur Klarinette ist viel größer als der zum Saxophon.“

Das Saxophon ist nicht nur eine Art Chamäleon unter den Instrumenten, sondern hat in seiner Familie auch Vertreter für jede Tonlage. Zu ihren Hauptinstrumenten zählt Asya Fateyeva dabei Sopran-, Alt- und Tenorsaxophon, „aber auch Baritonsaxophon liebe ich sehr, auch wenn ich es gar nicht so oft spiele. Damit ist das Reisen auch schwieriger, dann sind die anderen eigentlich ausgeschlossen“. Wie viele Saxophone zum Instrumenten-Fuhrpark im Hause Fateyeva gehören, weiß sie gar nicht so genau. „Ich müsste mal nachzählen“, sagt sie und muss lachen. „Aber zum Glück ist selbst ein gutes Saxophon eher preiswert. Alle meine Instrumente waren vermutlich nicht so teuer wie ein Flügel oder der Bogen von Streichern.“

Bis heute muss sie in Sachen Sax-Familie allerdings regelmäßig Aufklärungsarbeit leisten: „Es gibt immer noch Klischees, die das Saxophon in eine Schublade stecken, ihm ein Etikett verpassen und es vor allem als Synonym für Jazzmusik verstehen.“ Auch das ist Asya Fateyeva ein wichtiges Anliegen: Die Wahrnehmung des Instruments aus dieser einseitigen Schiene hinauszubugsieren. „Das Saxophon ist so viel mehr als Jazz. Es stört mich auch, wenn Komponisten nur diese Farbe einsetzen, anstatt das Instrument frei als ausdrucksvolles Medium zu benutzen, mit einer eigenen Sprache, statt Klischees zu bedienen.“ Zur Ehrenrettung der Komponist:innen hat sie aber auch eine Erklärung, warum das Instrument teils stiefmütterlich behandelt wird: „Der Midi-Klang, den Kompositionsprogramme für das Saxophon verwenden, ist so schrecklich, dass man den überhaupt nicht mit Klassik identifiziert.“

Ihre Residenz in Duisburg nutzt die Künstlerin dann auch, um das Repertoire für ihr Instrument zu erweitern: mit einem neuen Konzert für Saxophon und Orchester des mexikanischen Komponisten Enrico Chapela, der schon mehrfach für Saxophon geschrieben hat. „Ich mag seine musikalische Sprache sehr“, freut sich Asya Fateyeva, „so experimentell, ausdrucksvoll und nicht gezähmt. Ich liebe die Zusammenarbeit mit Komponisten. Ich versuche dabei, möglichst keine Vorgaben zu machen, sondern einfach nur da zu sein und die Möglichkeiten des Saxophons zu zeigen. Ich möchte, dass Komponisten sich ganz frei, mit ihrer eigenen Stimme ausdrücken. Dabei lerne ich selbst oft Neues über mein Instrument, wusste vorher gar nicht, wie es auch klingen kann.“

Ein Gemeinschaftsprojekt wird auch ein Kammerkonzert sein, das sich mit Franz Schuberts „Die schöne Müllerin“ beschäftigt: ein innovativer und spannender Zugriff auf einen der populären Liederzyklen der Romantik. Statt Singstimme und Klavier agiert das Saxophon hier im Verbund mit Cello, Drehleier und Schlagzeug. Außerdem steuert die Poetry-Slammerin Aileen Schneider einen neuen Text bei, denn die alten Gedichte „sind für heutige Ohren oft nicht mehr zeitgemäß und können sogar problematisch sein“. So entsteht ein neuer Blickwinkel aus einer gesellschaftlichen Perspektive heraus. Außerdem gibt es Raum für Improvisation, jedoch dem Geist der Klassik folgend.

Dass es für den musikhistorischen Spätstarter keine Originalliteratur aus früheren Epochen gibt, bedeutet für Asya Fateyeva aber auch ein großes Stück Freiheit, weil sie, getragen vom wandlungsfähigen Charakter ihres Instruments, genüsslich in fremden Revieren wildern kann: „Wenn ich diese Freiheit finde, ist das auch ein Weg zu mehr Kreativität.“ Einen kleinen Wermutstropfen gibt es allerdings: „Wovor ich Respekt habe und lieber die Finger lasse, ist das 20. Jahrhundert. Da entstanden neue, instrumentenspezifische Spieltechniken, und die Komponisten haben ihre Werke authentisch auf den Charakter des jeweiligen Instruments geschrieben. Leider reduziert das die Möglichkeiten für eine angemessene Bearbeitung.“ Ein Saxophonkonzert von Schostakowitsch oder Bartók bezeichnet sie als Traum, „aber leider haben diese Titanen kein Solokonzert für Saxophon geschrieben“.

Mit Offenheit, Neugier und einer guten Portion Spielfreude findet Asya Fateyeva immer wieder reizvolle Auswege aus dieser Repertoire-Sackgasse. Als Artist in Residence spielt sie neben den großen sinfonischen Konzerten und Kammermusikprojekten auch eine Toccata mit der Organistin Zuzana Ferjenčíková, für sie ein „perfect match“: „Ein Saxophon-Ensemble klingt schon fast wie eine Orgel. Außerdem haben wir eine ähnliche Art, Klang zu erzeugen: mit Luft und Zunge, was bei uns das Blatt ist.“ Und genau das ist es, was die Saxophonistin so besonders an der Residenz bei den Duisburger Philharmonikern schätzt: „Ich finde es so innovativ und aktuell, was da passiert. Es ist natürlich wichtig, dass wir die Tradition pflegen. Aber gleichzeitig reagieren wir hier auf die Gesellschaft und aktuelle Tendenzen. Das finde ich so einmalig, dass ich die Möglichkeit habe, zu gestalten, etwas auszuprobieren und auf die Beine zu stellen. Immer im Kontakt mit der anderen Seite, mit dem Publikum.“

Auftritte in der Spielzeit 2026/2027:

Auftritte in der Spielzeit 2025/2026:

Auftritte in der Spielzeit 2024/2025:

Fotos: Marco Borggreve