Artist in Residence 2025/2026 Lesen Sie dazu den Beitrag von Bjørn Woll >>
„Hier ist ein Musiker, der keine Grenzen kennt, außer die des guten Geschmacks, und der die Kunst besitzt, die Zuhörer zu überzeugen, ihm überallhin zu folgen.“
Gramophone
Avi Avital, der erste Mandolinen-Solist, der für einen Grammy nominiert wurde, wird aufgrund seiner Meisterschaft auf seinem Instrument mit Andres Segovia und aufgrund seiner unglaublichen Virtuosität mit Jascha Heifetz verglichen. Bei seinen Live-Auftritten ist er leidenschaftlich und „explosiv charismatisch“ (New York Times) und die treibende Kraft hinter der Wiederbelebung der Mandoline: Seit mehr als zwei Jahrzehnten gestaltet er die Geschichte und Zukunft seines Instruments neu und spielt es in den renommiertesten Konzerthallen der Welt. Darüber hinaus hat Avi Avital das Repertoire für Mandoline nicht nur durch Transkriptionen verschiedener Stücke erweitert, sondern auch über 100 Werke für Mandoline in Auftrag gegeben, darunter Konzerte für Mandoline und Orchester von Jennifer Higdon, Anna Clyne, Avner Dorman und Giovanni Sollima.
Zu den Höhepunkten der Saison 2024/2025 gehören Auftritte mit dem Minnesota Orchestra, dem Colorado Symphony, dem Orchestre National des Pays de la Loire, dem Freiburger Barockorchester, dem Philharmonia Baroque, dem Venice Baroque und dem il pomo d’oro. Avi Avital gibt Rezitals und Kammermusikabende mit Maurice Steger und Sebastian Wienand, Ksenija Sidorova, Omer Klein und Brooklyn Rider. Er kehrt in die Cadogan & Wigmore Hall London, die Philharmonie Berlin, die Alte Oper Frankfurt, die Aula Magna Sapienza Rom, das Amici della Musica Florenz, das Auditorio Nacional Madrid, die City Hall Hong Kong, die Orchestra Hall Minnesota und die Herbst Hall San Francisco zurück.
Zu Avi Avitals jüngsten Engagements gehören die Sinfonieorchester von Chicago, Seattle, Toronto und Vancouver, das Orchestre symphonique de Montréal, das Los Angeles Philharmonic, die NDR Radiophilharmonie Hannover, die Essener Philharmoniker, das HR Sinfonieorchester, die Academy of St Martin in the Fields, das Yomiuri Nippon Symphony, das Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia, das Tonhalle-Orchester Zürich, das Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI, das Orchestra della Svizzera italiana, das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, das Orchestre National de Lyon, das Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino, das Israel Philharmonic und das Norwegian Radio Orchestra. Er arbeitete mit Dirigenten wie Zubin Mehta, Kent Nagano, Alan Gilbert, Robert Spano, Osmo Vänskä, Yutaka Sado, Nicholas McGegan, Omer Meir Wellber, Giovanni Antonini, Jonathan Cohen und Ton Koopman.
Stand 2024/2025
Quelle: Impresariat Simmenauer
„Meine Mandoline ist meine Stimme.“
Von Bjørn Woll
Avi Avital ist der bekannteste und meistbeschäftigte Mandolinist der Klassik. Erst wenige Stunden vor unserem Video-Interview ist er von Auftritten mit der Colorado Symphony zurückgekommen. Doch viel Zeit bleibt ihm nicht in seiner Wahlheimat Berlin, schon am nächsten Tag geht es weiter zu Konzerten mit dem Jazz-Pianisten Omer Klein: Sein Terminkalender ist prall gefüllt. Am Anfang seiner Liebe zur Mandoline stand dabei eine eher zufällige Begegnung in der Wohnung eines Nachbarn, der dieses Instrument besaß. „Ich habe das getan, was vermutlich jedes Kind tut“, erinnert er sich. „Ich habe die Saiten mit dem Finger gezupft – und es gab einen Ton.“ Bis heute fasziniert ihn diese intuitive, unmittelbare Art, einen Klang zu erzeugen.
Es ist aber nicht nur das freundliche, offene Wesen der Mandoline und ihr sanft schimmernder Klang, von dem Avi Avital fasziniert ist. Es sind auch die vielen Assoziationen, die das Instrument ermöglicht: „Manche Menschen denken bei der Mandoline vielleicht an eine Serenade unter einem Fenster, an italienische Filmmusik oder den Bluegrass aus Amerika. Andere fühlen sich an Instrumente wie die Balalaika aus Russland oder die Bouzouki aus Griechenland erinnert.“ Als Teil der großen Familie der Zupfinstrumente hat die Mandoline für Avi Avital auch eine Art universellen Klang. „Jede Kultur auf der Welt hat ein Zupfinstrument, dessen Klang eben diese Kultur repräsentiert“, sagt er und verweist auf die indischen Sitar, die arabische Oud oder die Kora der afrikanischen Tradition. „Dass die Mandoline all diese Assoziationen hervorrufen kann, verleiht ihr eine weitere, poetische Ebene – neben der rein klanglichen.“
In der Klassik hatte die Mandoline allerdings oft keinen leichten Stand, nur wenige der großen Tonschöpfer haben für sie komponiert. Darunter Antonio Vivaldi, dessen Mandolinenkonzerte für Avi Avital „das Alte Testament meines Instruments“ sind; eins davon spielt er dann auch im 2. Philharmonisches Konzert. Nach dem Barock wurde es jedoch still um die Mandoline. „Im 18. Jahrhundert galt sie vor allem als Salon- und Bildungsinstrument, ein bisschen wie Cembalo oder Harfe, die man mit jungen Frauen aus dem Bildungsbürgertum in Verbindung brachte.“ Immerhin begleitet sie ein wunderbares Ständchen in Mozarts „Don Giovanni“. Auch im 19. Jahrhundert war es nicht viel besser um das Instrument bestellt, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen – etwa Gustav Mahler, der die Mandoline prominent im „Lied der Nacht“ seiner 7. Sinfonie einsetzt. Erst die Neue Musik entdeckt ihre klanglichen Möglichkeiten wieder neu, 2023 war sie sogar „Instrument des Jahres“. Und dennoch haben „viele Menschen noch nie eine Mandoline im Konzertsaal erlebt“, so Avi Avital, „auch wenn sich das ein wenig geändert hat“.
Dass kaum ein klassischer Komponist von Rang der Mandoline seine Aufmerksamkeit geschenkt hat, bezeichnet der Musiker als einen „Fehler in der Musikgeschichte“ – den er als Klangbotschafter für sein Instrument gern korrigieren möchte. „Deshalb habe ich angefangen, jedes Jahr neue Werke für Mandoline in Auftrag zu geben.“ Mittlerweile sind es über 100 Stücke, mit denen Avital das Repertoire bereichert hat, vom großen Solokonzert bis hin zur Kammermusik. Der aktuelle Beitrag stammt von dem türkischen Pianisten und Komponisten Fazıl Say, der schon länger auf seiner Wunschliste stand. Nicht nur, weil Avital sich sicher war, „dass er das Potenzial der Mandoline im Kontext eines Konzerts erkennen würde“, sondern auch, weil „zu seiner musikalischen Sprache die Integration nahöstlicher und mediterraner Musik gehört. Darin sind wir uns als Künstler beide sehr ähnlich“.
Die Arbeit an dem neuen Werk begann mit einem langen Treffen im Haus von Fazıl Say in Istanbul. „Zuerst hat er sich meine Mandoline genau angesehen und sich Notizen gemacht. Dann wollte er, dass ich ihm alle möglichen Sachen vorspiele. Wir haben uns zusammen auch viele meiner Aufnahmen angehört, sowohl von Barockkomponisten als auch von zeitgenössischer Musik. Ich mag diesen Ansatz, wenn ein Komponist Maß nimmt: Wenn er nicht nur ein Konzert für Mandoline schreibt, sondern ein Werk, das auf meinen Klang und meine Art zu spielen zugeschnitten ist. Dann habe ich das Gefühl, dass ich das Maximum aus der Musik herausholen kann.“ Nur wenig später schickte Fazıl Say einen ersten kurzen Entwurf, „eine Art Kadenz mit einer wunderschönen Melodie, die ich mit dem Handy für ihn aufgenommen habe“. Danach hörte Avital fünf Monate nichts mehr von dem Komponisten, bis der ihm die fertige Partitur schickte. „Wenn ich mir die Noten ansehen, erkenne ich ganz viel von mir selbst darin“, erzählt er mit einem Lächeln, „zum Beispiel ungerade Rhythmen, die an Musik vom Balkan erinnern und die ich sehr mag, aber auch Klänge, die aus dem Mittleren Osten kommen. Das liegt in meiner musikalischen DNA.“
Avi Avital ist aber nicht nur in Repertoirefragen ein Pionier der Mandoline, er hat auch die Spieltechnik weiterentwickelt. Das mag mit den teils kuriosen Umständen seiner Ausbildung zusammenhängen. „Ich habe zwar Mandoline studiert, aber keiner meiner Lehrer war ein Mandolinen-Spieler. Mein erster und wichtigster Lehrer war ein Violinist, der aus Russland nach Israel gekommen war und in meiner Heimatstadt einen Job als Geigen-Professor suchte. Weil der aber schon besetzt war, nahm er den als Mandolinen-Professor an, obwohl er das Instrument überhaupt nicht kannte.“ Was zunächst nach einer Katastrophe klingt, erwies sich für Avi Avital als Glücksfall: „Weil er sich nicht gut auskannte, hat er uns das Repertoire für Geige spielen lassen – anstelle der begrenzten Literatur für Mandoline. Und weil er sich nicht mit der Technik auskannte, hat er das Plektrum falsch gehalten. Aber diese sozusagen verdrehte Art, das Plektrum zu halten, hat eine ganze Reihe neuer Ausdrucksmöglichkeiten geschaffen. Und so halte ich das Plektrum bis heute.“
Und auch in Sachen Instrumentenbau hat Avi Avital entscheidende Impulse gesetzt: „Anders als andere Instrumente hat die Mandoline keine Standardform. Mal ist die Rückseite rund, mal ist sie flach, mal hat sie f-Löcher, mal ein rundes wie die Gitarre. Auch der Klang ist unterschiedlich, je nach Verwendung. Eine Mandoline für Bluegrass klingt ganz anders als eine für neapolitanische Volkslieder.“ Gemeinsam mit dem israelischen Geigenbauer Arik Kerman hat der Musiker ein Instrument entwickelt, das reich an Nuancen ist und dessen Klang auch in großen Konzertsälen tragfähig genug ist. „Wir wollten eine Mandoline bauen, die ganz auf mein Repertoire und meine Art, das Instrument zu spielen, abgestimmt ist. Im Gegenzug ermöglicht mir das Instrument, dass ich mich als Künstler weiterentwickeln kann. Meine Mandoline ist meine Stimme, ich kann das Instrument nicht von der Art trennen, wie ich Musik mache.“
Die Residenz in Duisburg ist für Avi Avital eine seltene Gelegenheit, das ganze Panorama der Mandoline zu präsentieren und „eine enge Beziehung mit dem Publikum aufzubauen“. „Ich kann die Mandoline aus verschiedenen Blickwinkeln zeigen und die ganze Vielfalt der Stile, in denen sie zu Hause ist.“ Ohnehin hält der Musiker nichts von engen Genre-Grenzen. Dafür steht etwa sein gemeinsamer Auftritt mit Kamalini Mukherji, Curating Artist im Rahmen des „Eigenzeit“-Festivals, bei dem die Mandoline auf die indische Langhalslaute Sarod trifft. Aber auch ein Kammerkonzert mit dem 2023 von Avital gegründeten Ensemble „Between Worlds“, das verschiedene Genres, Kulturen und Musikwelten erkunden möchte – für ihn „ein Thema, das mich als Künstler immer schon sehr beschäftigt hat; jeder der Musiker im Ensemble spielt wie ich klassische Musik, bringt aber auch sein eigenes Erbe mit, sei es aus Griechenland oder aus Israel“. Alt und neu, klassisch und traditionell, lokal und universell verschmelzen so zu einer umfassenden Hörerfahrung.
Auftritte in der Spielzeit 2025/2026:
- 2. Philharmonisches Konzert · Mi. 15. / Do. 16. Oktober 2025
- art4teens · Do. 16. Oktober 2025
- Day and Night · Fr. 22. Mai 2026
- 9. Kammerkonzert · Fr. 12. Juni 2026
Auftritte in der Spielzeit 2018/2019:
- 8. Kammerkonzert: Martina Gedeck und Avi Avital · So 19. Mai 2019
1. Foto Avi Avital: Christoph Köstlin. Alle folgenden: Harald Hoffmann



