Conductor in Residence 2026/2027 · Lesen Sie dazu den Beitrag von Bjørn Woll >>
„Ich bin ja so eine komische Mischung aus einem normalen Dirigenten und einem Barockspezialisten. Das passt hervorragend zu den Duisburger Philharmonikern, die zwar ein traditionelles Orchester sind, aber eine große Erfahrung mit historisch informierter Aufführungspraxis haben.“
Alessandro De Marchi ist international für seine stilistisch profilierten Interpretationen eines Repertoires gefragt, das vom Frühbarock über Bach, Mozart, Haydn und ihre Zeitgenossen bis zur Musik des 19. Jahrhunderts reicht.
Als Gastdirigent arbeitete er unter anderem mit den Wiener Symphonikern, der Staatskapelle Dresden, dem Münchner Rundfunkorchester, dem SWR Symphonieorchester, dem hr-Sinfonieorchester und dem Orchestre National de France sowie mit renommierten italienischen Klangkörpern wie dem Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia und dem Orchestra del Teatro La Fenice. Mit der Staatskapelle Berlin realisierte er ein besonderes Projekt, das Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ gewidmet war.
Mit seinem eigenen Originalklangensemble, der Academia Montis Regalis, gastierte De Marchi unter anderem bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci, am Théâtre des Champs-Élysées in Paris und in der Londoner Wigmore Hall. Von 2009 bis 2023 war er Künstlerischer Leiter der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik.
Ein besonderes Anliegen ist Alessandro De Marchi die Wiederentdeckung und Aufführung weniger bekannter Werke. Sein Engagement gilt dabei unter anderem Opern von Cimarosa, Graun, Hasse, Pergolesi, Porpora und Ferdinando Paër. Die erste moderne Aufführung von Riccardo Broschis „Merope“ dirigierte er bei den Innsbrucker Festwochen sowie am Theater an der Wien. Einen weiteren Schwerpunkt seines Repertoires bildet das Opernschaffen Händels und Rossinis, mit deren Werken De Marchi an zahlreichen bedeutenden europäischen Opernhäusern und Festivals gastierte, darunter die Staatsoper Unter den Linden, die Semperoper Dresden, La Monnaie in Brüssel, die Opéra de Lyon und die Händel-Festspiele in Halle.
Zu den Höhepunkten seiner Laufbahn zählen Bachs „Matthäus-Passion“ am Theater Basel und an der Deutschen Oper Berlin sowie Glucks „Orphée et Eurydice“ in Hamburg und Baden-Baden. Mit Verdis „Requiem“ gab De Marchi sein Debüt beim Istanbul State Symphony Orchestra.
Auch Mozart nimmt einen wichtigen Platz in seinem Repertoire ein. De Marchi leitete unter anderem „La clemenza di Tito“, „Don Giovanni“, „Così fan tutte“, „Le nozze di Figaro“ und „Die Entführung aus dem Serail“ an Opernhäusern und Festivals in Innsbruck, Prag, Berlin, Hamburg, Brüssel und Dresden.
Seine umfangreiche Diskografie umfasst unter anderem Bellinis „La sonnambula“ mit Cecilia Bartoli und Juan Diego Flórez, Werke von Händel und Vivaldi sowie mehrere Weltersteinspielungen. Gemeinsam mit Sonya Yoncheva veröffentlichte De Marchi bei Sony Classical ein Händel-Album, an das sich Konzerte unter anderem bei den Salzburger Festspielen und in der Philharmonie de Paris anschlossen. Seine Aufnahme von Mozarts „La clemenza di Tito“ wurde mit einem Diapason d’Or ausgezeichnet.
In der Spielzeit 2026/2027 ist Alessandro De Marchi Conductor in Residence der Duisburger Philharmoniker.
„Goldgräber der Musik“
Von Bjørn Woll
Alessandro De Marchi ist Spezialist für historische Aufführungspraxis und moderne Instrumente, dirigiert Originalklangkörper ebenso selbstverständlich wie die Staatskapelle Berlin oder die Sächsische Staatskapelle Dresden. In der Spielzeit 2026/2027 ist er Conductor in Residence der Duisburger Philharmoniker und gibt Einblicke in sein ungewöhnlich breites Repertoire.
Manchmal passt es einfach wie der sprichwörtliche Deckel auf den Topf. Nach dem Konzert von Alessandro De Marchi mit Raritäten von Carl Heinrich Graun und Christoph Willibald Gluck im Frühjahr 2025 war schnell klar: Diese künstlerische Partnerschaft sollte kein One-Night-Stand bleiben, beide Seiten wünschten sich etwas „Festes“. Zum Glück für die Duisburger Philharmoniker war der italienische Dirigent frisch getrennt, nach einer sozusagen einvernehmlichen Scheidung von den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik. Dort war De Marchi 14 erfolgreiche Jahre lang künstlerischer Leiter und bescherte dem renommierten Festival so manch musikalische Sternstunde.
Schon im Interview ist der charismatische Dirigent ein eloquenter Erzähler, mit einer geradezu ansteckend guten Laune. Kein Wunder also, dass das Orchester die Zusammenarbeit in guter Erinnerung behalten hat. Aber auch musikalisch liegen sie auf einer Wellenlänge: „Ich bin ja so eine komische Mischung aus einem normalen Dirigenten und einem Barockspezialisten“, schmunzelt De Marchi. „Das passt hervorragend zu den Duisburger Philharmonikern, die zwar ein traditionelles Orchester sind, aber eine große Erfahrung mit historisch informierter Aufführungspraxis haben.“ So kam eins zum anderen, und nach mehreren Gesprächen war die Idee des Conductor in Residence geboren.
Pioniergeist bei Kerzenschein
Bekannt ist Alessandro De Marchi vor allem für seinen ausgeprägten Forschergeist, den er in Duisburg bereits mit den kaum bekannten Ballettmusiken von Graun und Gluck bewiesen hat. „Als ich noch Student war, war das eine komplizierte Arbeit“, erinnert sich der unermüdlich schürfende Goldgräber der Alten Musik und erzählt von langen Bahnfahrten und zahlreichen Besuchen in Bibliotheken. Besonders eindrücklich erinnert er sich an seine erste Produktion: das Oratorium „Kain und Abel“ von Bernardo Pasquini. „Ich habe damals monatelang auf die Mikrofilme der Partitur gewartet. An dem Tag, an dem sie endlich ankamen, fiel der Strom aus, und ich saß mit einer Kerze da, um mir die Noten anzusehen. Mehr Pioniergeist kann man sich kaum vorstellen.“ Heute ist es einfacher geworden, „viele Quellen sind digitalisiert und von zu Hause aus mit wenigen Klicks erreichbar. Es ist ein bisschen paradox: Ich lese diese alten Handschriften auf einem iPad und spiele dazu auf der Kopie eines alten Cembalos“.
Bevor aus einer alten Notenhandschrift eine lebendige Aufführung vor Publikum wird, ist mitunter einiges an editorischer Arbeit nötig. Weniger problematisch sind dabei Stücke aus dem 18. oder 19. Jahrhundert, weil die Quellenlage hier meist gut ist. „Da muss ich im Sinn einer kritischen Edition eventuell kleine Fehler korrigieren. Aber sonst bleibe ich ungefähr bei dem, was der Komponist geschrieben hat.“ Deutlich komplizierter wird es jedoch bei Werken aus dem 17. Jahrhundert: „Nehmen wir zum Beispiel eine Oper von Monteverdi oder Cavalli. Da gibt es nur eine Basslinie und eine Gesangsstimme, den Rest müssen wir rekonstruieren. Das ist der Unterschied zu jemandem, der ein Fresko restauriert. Er kann Stellen einfach weiß lassen oder mit dem Bleistift eigene Ideen andeuten. In der Musik geht das nicht: Wenn mich ein Musiker fragt, ob da ein C oder ein Cis steht, muss ich ihm eine Antwort geben.“
Bei seiner Arbeit fühlt sich Alessandro De Marchi manchmal wie ein Hai, der seine Beute in immer engeren Bahnen umkreist. Ein Prozess, in dem sich auch die Schwerpunkte seiner Arbeit verschieben: Am Anfang steht der Musikwissenschaftler, der Partituren wälzt und Quellen studiert, um daraus ein aufführungspraktisches Material zu destillieren. Je weiter dieser Prozess fortschreitet, desto mehr übernimmt der Dirigent die Führung, denn der muss aus den abstrakten Noten ein klingendes Kunstwerk zum Leben erwecken. „Dann muss ich das Akademische über Bord werfen“, sagt er. „Es ist nur dann gut, wenn mein Herz die ganze Zeit singt. Das hat mir Daniel Barenboim beigebracht, er sagte immer: ,Eine Probe ist eine unendliche Reihe von Neins, aber die Aufführung ist ein riesiges Ja!‘“
Barenboim, der Alessandro De Marchi als Solorepetitor an die Staatsoper Berlin holte und dem er später in Salzburg assistierte, war es auch, bei dem er sein dirigentisches Handwerk gelernt hat. „Als Dirigent war ich damals Autodidakt“, erinnert er sich, „bevor Barenboim mich unter seine Fittiche genommen hat. Er war zwar streng, aber ich habe alle wichtigen Grundlagen bei ihm gelernt. Er hat einen richtigen Dirigenten aus mir gemacht!“ Für seine Entwicklung als Künstler nennt Alessandro De Marchi noch zwei weitere wichtige Namen, „die zwei Aspekte personifizieren, die vor allem für die Barockmusik wichtig sind“. „An der Schola Cantorum in Basel war der Cembalist Jesper Christensen mein Lehrer, er war streng wissenschaftlich und immer nahe an den Quellen.“ Der Gegenpol dazu war René Jacobs, der Vorgänger von De Marchi als künstlerischer Leiter der Innsbrucker Festwochen: „Er hat mehr aus dem Gefühl heraus dirigiert und ging freier mit dem Notentext um.“
Dreifacher Ohrenkitzel
Der feingeistige Barockspezialist Jacobs und Barenboim mit seinem Schwerpunkt in der Romantik des 19. Jahrhunderts finden sich sozusagen in Personalunion im künstlerischen Schaffen Alessandro De Marchis vereint, dessen erstaunlich breites Repertoire von Alter Musik bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts reicht. Einen Einblick in dieses facettenreiche Künstlerprofil gibt er als Conductor in Residence mit drei ganz unterschiedlichen Programmen, die außerdem einen Bezug zu seinem Heimatland Italien haben. Zum Saisonstart im September spürt er unter dem Motto „Italiani in America“ den Wegen italienischer Tonschöpfer nach, die in den USA komponiert haben, etwa Luciano Berio, der seine „Folk Songs“ für die legendäre US-amerikanische Sängerin Cathy Berberian geschrieben hat. Und in bester De-Marchi-Manier gehen auch bei diesem Projekt Forschung und Musik Hand in Hand. Denn die dramaturgische Idee entstand in enger Zusammenarbeit mit der Musikwissenschaftlerin Dr. Valentina Bensi, die eine Expertin für dieses Thema ist.
Italienische Filmklassiker mit den unsterblichen Melodien von Henry Mancini, Nino Rota und Ennio Morricone stehen hingegen auf dem Programm des Neujahrskonzerts. Und auch zu diesem Repertoire hat Alessandro De Marchi einen persönlichen Bezug: „Als Student habe ich am Konservatorium ganz brav Klavier, Komposition und Kontrapunkt studiert, parallel habe ich aber auch Jazz und Unterhaltungsmusik gemacht und war als Popsänger aktiv. Diese Welt ist also nicht neu für mich.“ In seinem ureigenen Terrain ist Alessandro De Marchi dann wiederum in einem Vivaldi-Programm. An dem Barockmeister schätzt er vor allem die „große Fantasie, die ideenreiche Instrumentierung und den freien Umgang mit den Regeln: Natürlich kannte Vivaldi die Grundlagen der Komposition sehr gut, aber er hat immer für die Ohren des Publikums komponiert. Johann Sebastian Bach hat Vivaldi zum Beispiel sehr geschätzt, aber wenn er Werke von ihm für Orgel arrangiert hat, hat er vermeintliche Fehler von Vivaldi ,korrigiert‘. Die strengen Regeln waren für Vivaldi einfach nicht so wichtig wie für Bach, er hat immer mitten aus dem Leben komponiert.“
Und auch für das Publikum in Duisburg wird dieses Konzert ein echter Ohrenkitzel, wenn Alessandro De Marchi als Conductor in Residence seine ganze Expertise als Barockspezialist einbringt, mit einem geschärften Blick für historisch informierte Phrasierung und Artikulation: „Wenn eine Phrase zehn Takte nach oben geht, dann ist das sehr wahrscheinlich ein Crescendo. Und eine schöne Melodie ist vermutlich ein Legato. Das hat Vivaldi aber nicht notiert, das war damals selbstverständlich. Das ,übersetze‘ ich dann für ein modernes Orchester. Wenn alles stimmt, wir mit guter Artikulation und der angemessenen Dynamik spielen, vermisst man historische Instrumente kaum noch. Mit den Duisburger Philharmonikern wird das absolut unproblematisch, weil die auf diesem Gebiet schon ein sehr hohes Niveau erreicht haben.“
Auftritt in der Spielzeit 2026/2027:
- 1. Philharmonisches Konzert · Mi. 23. / Do. 24. September 2026
- Neujahrskonzert 2027 · Fr. 1. Januar 2027
- 5. Philharmonisches Konzert · Mi. 20. / Do. 21. Januar 2027
Auftritt in der Spielzeit 2024/2025:
- 8. Philharmonisches Konzert · Mi 26. / Do 27. März 2025
Foto: Sandra Hastenteufel



