Poesie des Zerfalls

5. Philharmonisches Konzert

Duisburger Philharmoniker

Nikolaj Szeps-Znaider Dirigent

Saleem Ashkarr Klavier

5. Philharmonisches Konzert Nikolaj Szeps-Znaider Dirigent Foto: Lars Gundersen

Nikolaj Szeps-Znaider Dirigent
Foto: Lars Gundersen

5. Philharmonisches Konzert Saleem Ashkar Klavier Foto: Luidmila Jermies

Saleem Ashkar Klavier
Foto: Luidmila Jermies

Kaum kommt man umhin, dieses Konzert im Spannungsfeld der großen Weltreligionen und ihrer historischen Verwerfungen zu betrachten. „Dreifach heimatlos“ sah sich Gustav Mahler, „als Böhme unter Österreichern, als Österreicher unter Deutschen und als Jude in der ganzen Welt.“ Die so schmerzhaft empfundene Heimatlosigkeit war stets auch ein zentrales Motiv in seinen Werken – bis hin zum letzten, der 1910 vollendeten Sinfonie Nr. 9. Hier bietet nicht einmal mehr die sinfonische Tradition dem Komponisten eine Heimat, einen Ankerplatz. Die hergebrachten Mittel zerrinnen ihm unter der Hand, die Form wird mehr­deutig und diffus – ein mit größter Meisterschaft gesteuerter, mit brennender Intensität durchlebter Prozess der Auflösung, des Zerfalls, der heute noch so kompromisslos und radikal wirkt wie vor hundert Jahren.

„Ich möchte ein echter Dirigent sein, nicht ein dirigierender Solist“, verriet Nikolaj Szeps-Znaider schon 2010 im Interview mit The Jewish Chronicle. „Wenn ich es mache, dann möchte ich es richtig machen und in der Lage sein, alles zu dirigieren – Opern und auch Sinfonien von Bruckner oder Mahler.“ Nach seinem solistischen Auftritt im 1. Philharmonischen Konzert präsentiert sich der Stargeiger nun in seiner zweiten großen Profession, die ihn im Laufe der letzten Jahre immer stärker beschäftigt hat. Für den als Sohn polnischer Eltern in Dänemark aufgewachsenen Znaider ist das jüdische Erbe ein wichtiger Teil seiner Identität, „aber ich bin nicht ultra-religiös. Was mich vor allem interessiert, ist die menschliche Erfahrung.“

Dieser Aussage dürfte Saleem Ashkar wohl ohne Vorbehalte zustimmen. Als palästinensischer Christ in Nazareth geboren, hat er den größten Krisenherd dieser Welt aus nächster Nähe erlebt. Beethovens Klavier­sonaten, die er bereits an verschiedenen Orten – zuletzt auch in Duisburg – zyklisch aufgeführt hat, sind für ihn künstlerisch wie weltanschaulich zum zentralen Lebensthema geworden. Mit dem zweiten Klavierkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy rückt er nun ein selten zu hörendes Juwel der romantischen Konzertliteratur ins Rampenlicht. Er hat das feinperlige Virtuosenstück bereits unter der Leitung von Riccardo Chailly im Studio aufgenommen und wurde vom britischen Musikmagazin Gramophone für die „ebenso makellose wie begeisternde Gewandtheit“ seines Spiels zurecht hoch gelobt.

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